Ich denke, dass allen geht es so, sobald ein Internetanschluss und neu PC angeschafft:

„Bin im Supermarkt. Total voll hier“, twittert Tanja mir und ihren 50 anderen Followers zu. Das ist eine wichtige Information. Ich weiß zwar noch nicht, wofür oder warum, aber ich bin froh, in den sozialen Netzwerken vertreten zu sein. Sonst wäre gar nichts mehr los in meinem Leben. Leider kann ich Tanja nicht antworten. Jürgen schickt via Xing gerade die Gruppeneinladung zum „Treffpunkt soziale Netzwerke für Unternehmer“. Es wäre unhöflich, ihm nicht gleich abzusagen. Aber er hat Pech. Über StudiVZ habe ich schon Werner zur Gruppendiskussion „Wie man 50 Twitters in 60 Sekunden abschickt“ zugesagt. Werner habe ich übrigens über Andrea kennen gelernt. Andrea ist meine Freundin bei Facebook. Sie war eine Empfehlung von Hans. Den habe ich bei LinkedIn kennengelernt. Seitdem folgt er mir. Andrea folgt mir dagegen nicht. Meine Holde ist dagegen.

Leider stelle ich auch einen gewissen Rückstau bei meinen Gruppen-Newslettern von Xing fest. Kaum 38 Stück stapeln sich ungelesen in meinem Postfach. Und 3 Kontaktanfragen. Die muss ich noch schnell bestätigen. Dann bin ich mit Rainer vernetzt. Den kenne ich zwar nicht, aber das macht nichts. Rainer meint, er müsse sich unbedingt mal vernetzen, und da käme ich gerade recht. Aha. Torsten will sich auch vernetzen. Ein freundlicher Zug. Ich kenne ihn von früher. Mein Schwager hatte einen Freund, dessen Vater einen außerehelichen Sohn hatte. Torsten. Und Torsten möchte sich vernetzen, um Kontakte zu schließen. „Außerhalb des normalen Betätigungsfeldes“. Er hat viel von seinem Vater.

Die Gruppen-Newsletter von Xing müssen trotzdem noch ein wenig liegen bleiben. Thomas ist schuld. Er hat viel Zeit, seitdem er Rentner ist. Seitdem stellt er im Sekundentakt Fotos auf Facebook ein und ist tödlich beleidigt, wenn man nicht sofort wenigstens ein „Like“ vergibt. Also bestätigt, dass man das Foto mag. Das sehen dann auch alle diejenigen, mit denen man bei Facebook „befreundet“ ist. Und die gucken sich dann auch die Fotos an. Und Thomas ist glücklich.

Dummerweise gibt es auch noch zahlreiche andere Fotografen im Netz. Die möchten auch „gelikt“ werden. Also „liken“ auch meine „Freude“, „Fans“ und „Followers“ Fotos von Menschen, die ich noch nicht kenne. Was zur Folge hat, dass ich häufig ein „Jörn mag Ritas Foto“ oder auch „Frank likes Sonjas Wallpaper“ bekomme. Die Fotos muss man sich natürlich anschauen. Sonst sind Jörn und Rita beleidigt. Und Frank und Sonja.

Gerade habe ich genau das getan. Und siehe da. Sonja und Rita mögen es, dass ich bei ihnen virtuell vorbeigeschaut habe. Sie schicken eine Freundschaftsanfrage. Noch bevor ich antworten kann, meldet sich Twitter. Tanja ist jetzt nicht mehr im Supermarkt. Tanja ist „gestresst, aber glücklich. Bin wieder zu Hause.“ Gut zu wissen. Dummerweise habe ich vergessen, wer diese Tanja ist. Grund genug, bei „Wer kennt wen?“ vorbeizuschauen. Und siehe da: Martina Grohnau hat eine Meldung an mich geschickt. Sie kennt mich von früher. Ich schaue mir ihr Foto an. Ich erinnere mich dunkel an sie. Es war in der Grundschule. Sie war ein schlankes, zartes Mädchen und ich hatte mich ein wenig verliebt. Ihr aktuelles Foto zeigt, wie gnädig das Schicksal sein kann. Mit mir. Unser Weg hatte sich nach der Grundschule getrennt. Doch so, wie es aussieht, ist Martina ziemlich dick im Geschäft. Doch ich wollte doch nach Tanja schauen. Geht nur nicht.

„Grüße aus Mallorca“, sendet Thomas ein Telegramm via Facebook. Ich muss ihn zurückgrüßen. Xing hat gemeldet, dass er heute Geburtstag hat. Doch erst mal schauen, was gerade über Twitter reinkommt: „Mist, habe den O-Saft vergessen“, schreibt Tanja. Spontan spüre ich, dass ich ohne diese Information nicht hätte weiterleben können. Wahrscheinlich wird sie, wenn sie nochmal heiratet, nicht in die Flitter-, sondern in die Twitterwochen gehen.

Doch ach – was ist das?! Was höre ich da im Radio? Google startet jetzt ein eigenes soziales Netzwerk? Google plus. Noch eins? Nein, nein, nein, bitte nicht noch eins … Ich wandere aus. Ehrlich. Doch keine Sorge: Wenn es so weit ist, melde ich es per Twitter. Und vorher mache ich noch eine richtig dicke Facebook-Party.

G.Stein, "Terror Netze"
Freitag 8. Juli 2011