Über das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts kann man zweifelsfrei nur so viel mit Sicherheit sagen, dass es nun zu Ende geht – was angesichts der bleibenden Schäden, die es hinterlässt, nicht immer ganz tröstlich erscheint: Terrorismus, Klimawandel, Finanz- und Wirtschaftskrise, Rechts- und Linkspopulismus, Internetrevolution, gewaltige Rohstoff-Verschleuderung, Globalisierung, totale Vernetzung …
„Die Dinge haben für mich eine Entwicklung genommen, für die in historisch feststellbaren Epochen kein Beispiel da ist. Wer das nicht in jedem Nerv spürt, mag getrost die gemütliche Einteilung in Altertum, Mittelalter und Neuzeit fortsetzen. Mit einem Mal wird man gewahr, dass es nicht weitergeht …“
Gut, das sage jetzt nicht ich, dass sagte der Lyriker, Dramatiker und Satiriker Karl Kraus. Und zwar im Jahr 1900. Insofern ist es beruhigend zu wissen, das sich manche Dinge eben doch nicht ändern … Und:
Natürlich geht es weiter … Doch die spannende Frage bleibt wie? Die Antwort kann wohl nur jeder für sich selber geben. Denn auf die sogenannten Experten ist kein Verlass. So halte ich es denn auch mit Erich Kästner, meinem großen literarischen Vorbild:
"Wird's besser? Wird's schlimmer?"
fragt man alljährlich.
Seien wir ehrlich:
Leben ist immer
lebensgefährlich.
(Erich Kästner)
Günter Stein,
vom 30.12.2009
Sind Sie pleite? Haben Sie über Ihre Verhältnisse gelebt? Geben Sie mir die Schuld. Ich bin Spekulant. Das Wort kommt vom lateinischen speculare und bedeutet ausspächen, nach Vorteilen Ausschau halten. Ja, ich suche den Vorteil. Jeder denkt an sich, nur ich an mich.
Ich habe meinem Sohn fünf Euro geliehen. Es schien mir eine gute Investition in die Zukunft zu sein. Ursprünglich hatte ich sie ihm gar nicht geliehen, sondern einfach so gegeben. Er solte das Geld seiner Klassenlehrerin aushändigen für irgendeine Schulsache. Die Schule verlangt ja ständig Geld von einem. Fast schon wöchentlich kommen meine Kinder mit einem Wunschzettel. Man hört schon gar nicht mehr zu, sondern öffnet wie ein Lämmchen den Geldbeutel.
Mein Sohn ist ein großer Kindskopf. Aber wie jeder gute Spekulant bin ich bereit, Risiken einzugehen. Ich erhoffe mir eine hohe Rendite in Form eines bestens ausgebildeten Kindes. Nun hat mein Sohn aber glatt vergessen, die fünf Euro seiner Lehrerin zu geben. Stattdessen hat er von dem Geld Panini-Klebebildchen für sein WM-Album gekauft. Er hat also hemmungslos Fußball konsumiert. Mit meinem Geld! Zu seiner Verteidigung muss ich allerdings sagen: Er hat die sache nicht verheimlicht, sondern bereits beim Mittagsessen gestanden. Mein Sohn ist nicht Griechenland.
Den Griechenland geht es übrigens ganz gut. Diese Woche war dort Bombenwetter: Sonne und bis zu 36 Grad. Zudem wurden die ersten Hilfsgelder über dem Land abgeworfen. Mehrere Milliarden Euro verteilt sich gleichmäßig übers Land und verschwanden wie erwartet auf Nimmerwiedersehen. Und was machen wir? Wir grämen uns, knausern rum und haben auch noch die Eisheiligen an der Backe. Das einzig Gute am Vatertag war ja, das Bier nicht warm werden konnte.
Ich habe meinem Sohn gesagt, dass er das Geld zurückzahlen muss. So geht es ja nun nicht. Ob ihm das allerdings gelingen wird, ist angesicht seines mickrigen Taschengeldes doch sehr die Frage. Tief in mir drin habe ich seine Bonität auf Ramsch-Status herabgestuft. Das macht mich nervös, ich schimpfe mit ihm. Er wird dann wiederum bockig und unproduktiv. Ein Teufelskreis.
Ich will die Fünf Euro wiederhaben, solange ich dafür noch was kaufen kann. Alle sagen, dass der Euro bald nicht mehr viel wert sein wird. Die Politik druckt wie blöd neues Geld, weil das alte irgendwie verschwunden ist. Es ist vielleicht nach Indien oder China gewandert, wo Mercedes-Limousinen nun wieder reißenden Absatz finden. Bald kann sich auch der Grieche wieder eine neue E-Klasse leisten. Nun wir nicht mehr.
Ich suche nervös nach Anzeichen einer Inflation. Laut Statistischem Bundesamt sind im April die Preise für Kopf- und Eisbergsalat um fast 73 prozent gestiegen. Zucchini und Auberginen wurden um 51 prozent teurer. Ist das normal? Oder soll ich mir mein Gehalt schon mal vorsorglich in Form von Salatköpfen auszahlen lassen? Tja, man hat es nicht leicht als Spekulant. Man darf nicht defensiv agieren. Nur wer wagt, gewinnt. Hier, mein Sohn, hast du noch mal fünf Euro. Und jetzt sag mal: Was ist eigentlich so ein WM-Album wert, wenn alle Biler eingeklebt sind?
Rainer Wehaus
aus „Sonntag Aktuell“, 16. Mai 2010