Schläfst du schon? …
Der Schlaf ist ein Zustand der äußeren Ruhe bei Lebewesen. Menschen müssen schlafen, um zu überleben. Doch Schlaf ist noch mehr. Er ist ein faszinierendes Phänomen. Das wusste bereits Leonardo da Vinci, das Multitalent der Renaissance. Er brachte das Paradoxe und Geheimnisvolle des menschlichen Schlafes mit diesem Rätsel auf den Punkt: „Was ist das? Der Mensch wünscht es sich herbei, und wenn er es endlich hat, lernt er es nicht kennen.“
Eigentlich ist das mit dem Schlaf auch kein großes Problem. Man legt sich hin, Augen zu und los. Nur manchmal gibt es da ein winzig kleines Problem. Den Menschen nebenan…
Gerade schickte ich mich an, im Reich der Träume zu versinken. Ein erster zarter Schnarcher kam über meine Lippen. Da hörte ich sie. Die Stimme meiner Holden. „Schatz, schläfst du schon?“
Erschrocken fuhr ich hoch. „Ja, warum?“
„Weil ich noch nicht schlafe!“
„Dann tu es doch einfach“, antwortete ich mit einem lauten Gähnen und ließ den Kopf wieder fallen.
Ich hatte Glück. Meine Hirnaktivitäten hatten sich von der kurzen Unterbrechung nicht wieder beleben lassen. Alle Synapsen waren und bleiben auf „Schlafprogramm“ geschaltet. Wohlig spürte ich, wie der Schlaf mich zärtlich ummantelte. Schon ganz nah war ich dem Reich der Träume. Da hörte ich sie wieder. Die Stimme meiner Holden.
„Was macht man denn, wenn man nicht schlafen kann?“
„Weiß ich nicht“, murmelte ich schlaftrunken zurück. „ICH kann ja schlafen.“
Stille. Es herrschte wieder wunderbar Stille im Schlafzimmer. Ich schloss die Augen. Ein seliges Lächeln umspielte meinen Mund. Aus der Ferne sah ich den Sandmann winken. „Komm ins Reich der Träume“, rief er. „Folge mir!“
„Ich komme“, rief ich ihm zu – und schon war ich wieder auf dem Weg ins Paradies der Schläfer und Träumer. Ein paar Schritte noch, und ich hätte es erreicht.
Doch was war das?
Das Tor in dieses Paradies war fest verschlossen. Und irgendjemand pochte heftig dagegen. Irritiert öffnete ich die Augen.
Es pochte tatsächlich. Aber nicht an der Tür zum himmlischen Schlaf, sondern neben mir. Meine Holde klopfte wie wild auf ihrem Kissen herum.
„Was machst du denn jetzt?“, fragte ich laut gähnend. „Ich will schlafen!“ „Das will ich auch“, seufzte sie. „Vielleicht klappt es ja, wenn ich das Kissen weichklopfe?“
„Klopf du“, gähnte ich. „Aber lass mich jetzt schlafen. Ich möchte wirklich nur schlafen, schlafen, schlafen …“
Das letzte „schlafen“ kam mir kaum noch über die Lippen. Ich stand bereits wieder vor dieser Tür ins Schlafparadies. Und siehe da, sie stand weit offen für mich.
Doch was war das? Gerade als ich meinen Fuß hineinsetzen wollte, wurde ich unsanft von hinten zurückgehalten. So sehr ich mich auch mühte, es gelang mir nicht, die Schwelle zu übertreten. „Nein“, rief ich verzweifelt. „Ich will rein …“
Von meinem eigenen Ruf wurde ich wach. Oder war ich es schon? Weil mich von hinten die Hand der Holden gepackt hielt. Weil ich sie von hinten sagen hörte: „Ich finde das ungerecht. Du schläfst immer so gut ein, und ich liege wach.“
„Dann trink halt Zuckerwasser“, murmelte ich. „Und lass mich ENDLICH schlafen.“
„Das soll helfen?“
„Meine Mutter hat das früher bei mir gemacht, wenn ich nicht schlafen konnte!“
„Und was hat es gebracht?“
„Karies!“
„Sehr witzig. Sag mir lieber, was wirklich hilft.“
Ich überlegte kurz und antwortete: „Seinem Schatz beim Schlaf zuhören. Das beruhigt – und dann schläft man selber ein.“
„Das beruhigt mich nicht. Das regt mich auf. Weil du dann schläfst, und ich wach liege. Und das finde ich ungerecht.“
„Dann ist das halt ungerecht“, brummte ich. „Ist mir doch egal!“
Ich hatte gerade ein ganz anderes Problem:
Meine auf „wohligen Schlafrhythmus“ geschalteten Hirnsynapsen begannen sich in meinem Kopf zu räkeln und zu strecken. Offensichtlich hatten sie beschlossen, langsam wieder in den Wachrhythmus zu wechseln. Hier half nur entschlossenes Handeln.
„Dann zähl eben Schafe. Das hilft immer“, rief ich verzweifelt in das dunkle Zimmer. „Es hilft immer.“
„Glaub ich nicht!“ „Probier es aus. Ich will SCHLAFEN, SCHLAFEN, SCHLAFEN!“ „Nun werd nicht gleich laut. Ich probier es ja schon aus!“
Ich schloss die Augen. „Komm, lieber Sandmann. Führe mich ins Paradies der himmlischen Träume!“ Der Sandmann nickte und lächelte. Doch er streckte mir nicht die Hand aus, um mich zu führen. Er grinste hämisch. Und begann zu zählen: „Fünfzehn, sechzehn, siebzehn, achtzehn …“ Irritiert öffnete ich erneut die Augen und lauschte. „Neunzehn, zwanzig, einundzwanzig …“ Das war eindeutig die Stimme meiner Holden, die ich da hörte.
„Was in aller Welt machst du da?“, fragte ich hellwach. Meine Synapsen im Kopf hatten beschlossen, die Frühschicht einzuläuten. „Na, zählen!“ „Aber man zählt doch leise. Ganz, ganz leise!“ „Dann musst du das eben sagen!“ Zerknirscht drückte ich meinen Kopf zurück ins Kissen und lauschte.
„Bibisch, bibisch, bibisch…“, hörte ich ganz leise neben mir. Meine Holde zählte tatsächlich stumm vor sich hin. Nur ihre Lippen bewegten sich und machten ein sanft säuselndes Geräusch. Und siehe da. Ein paar Minuten und rund 180 Bibischs später hörte ich sie sanft neben mir atmen. Sehr sanft, sehr leise. Sie war eingeschlafen.
Auch eine Viertelstunde später hörte ich sie neben mir atmen. Sehr sanft. Sehr leise. Tief schlafend. Sogar eine halbe Stunde später noch. Denn ich war hellwach… Frühschicht im Kopf…
Und was macht man in so einer Situation? Nun es gibt Menschen, die verzweifeln. Es gibt welche, die stehen auf und schreiben… Und während sich langsam das Morgengrauen über dem jungen Tag breitmacht, tippe ich an diesem letzten Satz. Ganz leise. Denn die Holde schläft.
Zuhören? Wer will denn hier zuhören?
„Nie hörst du mir zu“, beschwert sich meine Holde, kaum dass sie aufgewacht ist. Verwundert schaue ich sie an. „Ich habe geschlafen.“ Sie schüttelt den Kopf. „Ich meine doch nicht jetzt“, sagt sie und wirft die Bettdecke mit Schwung weg. „Du hörst mir immer nicht zu. Egal ob du schläfst oder nicht.“
„Aha“, sage ich und wickle mich noch einmal in die Decke. Grimmig schaut sie mich an.
„Was sagst du denn jetzt dazu?“
„Wozu?“, brummele ich unter der Bettdecke hervor.
„Na dazu, das du nie zuhörst“, sagt sie und rüttelt an mir. „Jetzt steh endlich auf. Das ist ein ernstes Thema.“
Irgendwie verspüre ich so gar keine Lust, aufzustehen. Schon gar nicht verspüre ich Lust, früh am Morgen eine Grundsatzdiskussion führen zu müssen. Außerdem:
Natürlich höre ich zu. Ich höre meiner Holden genau so gut zu, wie alle Männer auf dieser Welt ihren Frauen zuhören!
„Lass mich noch schlafen“, knurre ich und klammere mich etwas fester an die Bettdecke.
„Ich denke überhaupt nicht daran, dich jetzt noch schlafen zu lassen. Wir haben zu reden. Und außerdem: Nur der frühe Vogel fängt den Wurm.“
„Ich mag keine Würmer.“
„Sei nicht albern. Sag mir lieber, was du zu deiner Verteidigung zu sagen hast.“
„Verteidigung? Warum soll ich mich verteidigen?“
Meine Holde seufzt laut.
„Weil es dir vielleicht wichtig ist, so einen Vorwurf nicht im Raum stehen zu lassen.“
„Ist mir aber nicht wichtig“, sage ich unvorsichtiger- aber richtigerweise. Ich weiß ja schließlich, dass ich zuhören kann. Wenn ich muss.
Das Problem in der Mann-Frau-Kommunikation ist aber, dass sich von Männerseite aus nur schwer abschätzen lässt, ob man gerade zuhören muss oder nicht. Und stellt man dann fest, dass man(n) eigentlich hätte zuhören müssen, es aber nicht getan hat, ist es sowieso zu spät.
Frauen ticken da völlig anders. Die können scheinbar die ganze Zeit nicht zuhören, um dann im entscheidenden Moment genau die Sachen mitzubekommen, die sie mitbekommen wollen, aber nicht sollen. Ein Beispiel:
Kürzlich sprach ich mit meinem besten Freund über das Thema Frauen. Meine Holde befand sich ein Stockwerk über uns und schaute Fernsehen. Wir sprachen leise. Mein Freund sagte im Flüsterton: „Ein Mann kann auf Dauer gar nicht treu sein.“
Was wetten wir: Hat meine Holde dass
1.mitbekommen oder
2.mitbekommen?
Unglaublich.
Dagegen könnte sie vermutlich mit einer ihrer Freundinnen neben mir sitzen und erzählen: „Ich habe das Konto abgeräumt und werde heute Abend ausziehen.“ Vermutlich würde ich erwidern: „Ich gucke aber noch was Fernsehen“, weil ich nur die Worte „abräumen“ und „ausziehen“ mitbekommen habe. Wir Männer versuchen halt immer, uns auf die Kernbotschaften zu beschränken.
Also Hand aufs Herz:
Wozu sich verteidigen? Wenn wir Männer nicht zuhören, und das habe ich gerade glasklar bewiesen, ist das ganz alleine die Schuld der Frauen. Die müssen halt sagen: „Mann, jetzt kommt was Wichtiges, hör zu.“
Wenn Frau das tut, dann hört Mann zu. Meistens wenigstens. Zumindest aber die ersten ein, zwei Minuten. Länger geht auch gar nicht. Das liegt in der Natur der Sache.
Damals, in der Steinzeit, mussten wir Männer unseren Clan bewachen. Volle Aufmerksamkeit also den Wald oder den Höhleneingang beobachten, ob nicht ein Bär vorbeikommt, um Beute zu machen, oder ob ein Hirsch in der Nähe ist, den man selber zur Beute machen kann. Und natürlich galt es auch Ausschau zu halten, ob nicht ein ein Steinzeitmann vom Stamm nebenan vorbeikommt, um sich mit einem gezielten Schlag mit der Keule eine Frau zu rauben.
Das ist heute ja gar nicht so anders. Und insofern ist das männliche Hirn immer noch auf Wachsamkeit programmiert. Wir Männer müssen ständig die Gegend beobachten um auf Beute oder Feinde zu lauern … Das können Sie an jedem Badestrand beobachten.
Was ich damit sagen will, ist: Wird die männliche Wachsamkeit durch allzu lange Gesprächsfetzen abgelenkt, beschleicht Mann sofort das ungute Gefühl, er könnte etwas verpassen. Also switcht der Aufmerksamkeitsfokus weg vom Gesprächsinhalt hin zum Beobachten, Beschützen und Jagen. So ist das.
Aber ich möchte jetzt die Leserinnen dieser Zeilen nicht im Regen stehen lassen. Denn es gibt ein einfaches Gegenmittel. Frau muss sich nur kurz genug fassen. Dann bekommt Mann auch alles mit. Letztendlich gilt es für Frau nur, die drei wichtigsten Grundregeln im Gespräch zwischen Frauen und Männer zu beachten
Regel Nummer 1:
Bitte kündigen Sie dem Mann an, dass er jetzt zuhören muss. Tun Sie das aber nicht inflationär, sonst nutzt sich der Effekt schnell ab.
Regel Nummer 2:
Bitte fassen Sie sich kurz. Die Aufmerksamkeitsspanne Ihres Jägers, Beschützers und Aufpassers ist naturgemäß gering.
Und Regel Nummer 3?
Die hat mit einer weiteren Hürde im Frau-Mann-Gespräch zu tun, die von Frau immer wieder übersehen wird:
Es ist der Einfluss von Gesprächsumgebung und Gesprächszeit!
So bringt es zum Beispiel gar nichts, einem fußballbegeisterten Mann, der gerade mit seiner Mannschaft dem Sieg oder der Niederlage entgegenfiebert, auf der Tribüne im Stadion mitzuteilen: „Schatz, ich bin schwanger.“
Außer einem: „Bring mir auf dem Rückweg noch ein Bier mit!“, wird Frau keine Reaktion ernten. Grund:
Der Mann bekommt leider von dieser wichtigen Botschaft an diesem falschen Ort nur das Wort „Schatz“ mit. „Schatz“ bedeutet – es ist alles in Ordnung, kein Stress im Anmarsch. Also switcht die Aufmerksamkeit augenblicklich wieder zum Fußballspiel.
Das Wort „Schatz“ wird dabei automatisch in einen logischen Kontext eingebunden. Der lautet hier: Schatz + Frau + wir sind auf dem Fußballplatz = „Schatz, ich muss mal!“ Und wenn dem so ist, kann sie ja bitteschön praktischerweise den Rückweg zum Bierkauf nutzen.
Merke: Die Verbindung „Schatz“ und „schwanger“ auf einem Fußballplatz ist in den männlichen Synapsen nicht miteinander verknüpft. (Außer vielleicht beim kinderreichen Franz Beckenbauer. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.)
Deshalb:
Wie viel netter wäre es, wenn Sie Ihm (vorausgesetzt, das Kind ist ein Wunschkind), einen Babyschuh an die Tür hängt, den er gleich beim Nachhausekommen entdeckt?
Gut, das funktioniert nicht immer. Es soll auch schon Männer gegeben haben, die die Tür aufreißen und rufen: „Schau mal, jetzt hängen uns die Nachbarn schon ihren Müll an die Türe“ – aber auch das ist eine ganz andere Baustelle.
Die dritte Regel lautet also:
Gesprächsort und Gesprächsrahmen beachten
Und damit bin ich wieder am Anfang der Geschichte. Sie erinnern sich: Ich liege noch im Bett. Ich möchte noch schlafen. Meine Holde möchte diskutieren. Aber Sie hat schon so früh am Morgen drei entscheidende Fehler gemacht.
1.Sie hat nicht gesagt, dass ich zuhören muss. Woher soll ich als Mann dann wissen, dass ich es tun soll – und mich entsprechend nicht mehr unter die Decke verkrümeln darf? Sprich: Hier liegt ein grober Verstoß gegen Regel Nummer 1 vor.
2.Nach den – zugegeben kurzen – zwei Einleitungssätzen folgen weitere. Mehr als 4 Sätze spricht sie insgesamt – und begeht damit einen weiteren groben Verstoß. Diesmal gegen Regel Nummer 2. Ganz zu schweigen vom nächsten Fehler:
3.Stimmen in dieser Geschichte etwas Gesprächsort und Gesprächszeit? Ist das Bett wirklich der richtige Ort für Diskussionen? Ist der frühe Morgen die richtige Gesprächszeit? Die Frage beantwortet sich von selbst. Und der Verstoß gegen Regel 3 ist eindeutig.
Halten wir also fest:
Meine Holde hat direkt nach dem Aufwachen gleich drei grobe Regelverstöße begangen, und ich sollte das jetzt wirklich, HIER UND JETZT mit ihr ausdikutieren und sie fragen, was sie denn ZU IHRER Verteidigung zu sagen hat! Die Sache hat zum Glück für sie mehrere Haken:
Erstens ist es dafür viel zu früh.
Zweitens bin ich zu müde.
Und drittens muss ich ihr dann zuhören. Und wissen Sie, wie anstrengend das ist?
G. Stein
Wenn die Botenstoffe lahmen
"Kinderkram
Biochemie Der Mensch ist hormongesteuert. Sonst ginge er dem Wahnsinn Familie aus dem Weg."
Von Martin Gerstner
Warum nur? Warum? Warum setzt der Mensch Kinder in die Welt, obwohl ihm doch nur ökonomische und gesundheitliche Nachteile daraus erwachsen? Früher bezahlten vor allem Frauen die Zeche, litten im Wochenbett und starben früh. Dann ließen sich Generationen von Männern in die Rolle des Ernährers zwängen, gründeten Familien, schufteten und starben früh. Der Mensch ist also des Menschen Freund und pflegt einen Altruismus, der dem Sozialverhalten des Schimpansen gleicht. Affen nämlich –das haben Studien gezeigt – pflegen ihrem Nächsten das Fell, ohne dafür mehr Blätter zum fressen zu bekommen.
Da früher die Religion für Menschenliebe zuständig war, galt die Existenz eines göttlichen Fortpflanzungstriebs als ausgemacht. Im Zuge der Säkularisierung hat man sich von dieser Hypothese verabschiedet, die der liebe Gott übrigens auch nicht verdient. Schließlich sind viele Kinder missraten, können weder lesen noch schreiben, tragen Trainingsanzüge und treten damit das göttliche Prinzip mit Füßen. Mittlerweile wird postuliert, Kinder seien Produkte eines komplizierten Zusammenspiels von Hormonen. Jeder Mensch bekomme mit der Geburt einen Sack voll Hormonen mit auf den Weg, die ihn auch schwierige Situationen wie Auffahrunfälle, Sonntagsspaziergänge mit den Eltern, Essen beim Griechen und Börsenabstürze überstehen lassen.
Leider summieren sich im Laufe eines Menschenlebens diese unerquicklichen Situationen, ballen sich förmlich zusammen und schlucken fast den gesamten Vorrat an Hormonen weg. Besonders gefräßig gebärdet sich das System Familie. Die wenigen, bei der Zeugung ausgeschütteten Spaßserotonine werden von der darauf folgende Kinderkatastrophe rasch hinweggefegt. Jeder normale Mensch wird, wenn ihm über Monate hinweg der Schlaf entzogen wird, zu einem Grantler, Alkoholiker oder Kulturpessimisten, neigt zu Weinkrämpfen und beschimpft Karrieresingles als Sozialschmarotzer.
Er klammert sich an die Hoffnung, dass mit zunehmender Reife der Kinder alles besser wird – und täuscht sich. Denn auch in späteren Phasen der Aufzucht lässt ihn die Biochemie im Stich. Botenstoffe, die den Eltern die nötige Leidensfähigkeit bei der Hausaufgabenbetreuung verleihen könnten, machen sich rar. Nach zwei bis drei Elternabenden sinkt der Serotoninspiegel in den nicht messbaren Bereich. Wenn dann noch der Blockflötenunterricht, die Wohnungssuche und die Chlorvergiftung im Schwimmkurs hinzukommen, ist dieses Reservoir endgültig ausgetrocknet.
Was tun? Kluge Eltern lesen Kolumnen wie diese und suhlen sich in dem wohltuenden Gefühl, einer gesellschaftliche Elite zuzugehören, werden sie doch von der Werbung und der Politik umworben und umschmeichelt. Ansonsten bunkern sie so viele Hormone wie möglich im Kühlschrank, die sind günstig bei Ebay oder auf Eltern-Kind-Flohmärkten erstanden haben.
Wie? Sie wollen wissen, was man tun soll, wenn der Hormonvorrat aufgebraucht und noch nicht mal die Pubertät in Sicht ist? Oh Gott.
Aus Stuttgarter Zeitung Nr.4 von 28.Januar 2012