"Mein Schwiegervater ist fest davon überzeugt: „Frau Merkel macht uns alle pleite!“ Das eröffnete er uns gestern Abend beim Abendessen. Es gab italienische Nudeln, portugiesischen Wein und griechischen Schafskäse im Salat. Diese Troika stimmte ihn melancholisch. Wir werden in nächster Zeit verstärkt deutsche Küche essen müssen, um ihn aus diesem Loch herauszuholen. Aber nichts aus dem Osten. Da kommt bekanntlich Angela Merkel her. Spreewaldgurken sind damit gestrichen. Und Hamburger auch. Denn Angela Merkel ist in Hamburg geboren. Das wissen nicht mehr viele, und die Hamburger verschweigen es hartnäckig.

Aber so richtig hamburgisch ist Angela Merkel auch gar nicht. Ihre Eltern sind kurz nach Angelas Geburt in die DDR übergesiedelt. Ob es einen direkten Zusammenhang gibt zwischen Geburt und der Entscheidung, das Wirtschaftswunderland zu verlassen, um im sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaat zu leben, ist nicht überliefert.

Mein Schwiegervater hat es übrigens genau andersherum gemacht. Er wuchs im Osten auf und ist dann später in den Westen übergesiedelt. Was seinem Bekunden nach nichts mit der Ankunft Angela Merkels im Osten zu tun hatte. „Damals kannte ich die Dame ja noch nicht.“

Jetzt kennt er sie – und ist empört. Denn seiner Meinung nach verprasst sie gerade sein mühsam Erspartes. Zum Beispiel für Griechenland, für neue Schulden und für andere, in seinen Augen ebenso unsinnige Dinge wie Rettungsschirme aller Art und Größen.

Seine Empörung hat allerdings einen Grund. In den zurückliegenden, zahlreichen Lebensjahren hat er die Erfahrung gemacht, dass man im Leben immer und für alles irgendwann einmal eine Rechnung präsentiert bekommt. Dummerweise sparen unsere Politiker genau diese Erkenntnis hartnäckig aus. Es wird von der Euro-Rettung gesprochen, nicht aber von dem Preis, der dafür zu bezahlen ist. Das hat etwas leicht Diabolisches. Mit dem Teufel lassen sich ja auch hervorragende Geschäfte machen – man muss nur bereit sein, seine Seele zu opfern. Das heißt: Zuerst ein tolles Leben – danach wird es dann allerdings richtig mies.

Das mit dem tollen Leben wird derzeit auch versprochen - übrigens nicht nur von Angela Merkel, sondern auch von anderen Politikern. Wird nur der Euro gerettet, wird alles gut, heißt es. Das „wenn die Rechnung kommt, wird es erst einmal richtig mies“ bleibt ausgespart. Es kommt aber. Sagt mein Schwiegervater und schaut dabei traurig auf sein Essen. Vermutlich hat er ja Recht. Die SPD plant Steuererhöhungen, wenn sie gewählt wird. Die CSU will eine Pkw-Maut. Die Grünen wollen eine VermögenssteuerReichenBildungsSolidaritätszusatzabgabe und die Abschaffung des Ehegattensplittings sowie die Ausweitung der Gewerbesteuer auf alle, die sich in Deutschland bewegen, die Linken die totale Enteignung und die Wiedereinführung des Prinzips Arbeiter- und Bauernstaat, die Piraten wollen kostenlos downloaden und die FDP will von Steuersenkungen nichts mehr wissen ….

Aber muss man trotzdem so lustlos in seinem Essen stochern? Ich glaube, beim nächsten Mal gibt es doch Spreewaldgurken. Auf einem Hamburger. Belegt mit italienischen Tomaten. Dazu französischen Rotwein und ganz viel Ouzo. Zumindest eines ist dann gewiss: Nach dem dritten oder vierten Ouzo wird es uns zunächst ganz hervorragend gehen. Dafür am nächsten Morgen dann richtig mies. Da sage noch einer, wir hätten kein europäisches Gefühl. Haben wir doch. Ein richtig teuflisches sogar..."

G.Stein