Wie die Hartz-IV-Gesetze entstanden


Am Wochenende hatte ich eine längere Diskussion zum Thema „Wie entstanden die Hartz-IV-Gesetze?“ – „Wie kann man so einen Murks machen?“ Nun, ist doch einfach:
Stellen Sie sich vor, Sie bestellen für das Unternehmen eine Maschine. Sie kostet 100.000 Euro. Damit soll die Produktion Ihres Produktes A zukünftig statt 1 Euro pro Stück nur noch 75 Cent kosten. Eine lohnende Investition, schließlich setzen Sie Monat für Monat rund 4 Millionen Stück ab.
Die Maschine kommt und wird installiert. Ihr Chef ist hochzufrieden. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem er den Startknopf der Maschine drückt:
Sie setzt sich nämlich nur äußerst widerwillig in Bewegung und ruckelt und zuckelt. Fragend schaut Ihr Chef Sie an. Hastig werfen Sie einen Blick in die Bedienungsanleitung. Sie stellen fest: Die Maschine braucht statt der bisher notwendigen 10 Mitarbeiter wie an der alten Maschine 3 weitere, die die zusätzlichen Knöpfe drücken, die Sie offensichtlich beim Bestellen der Maschine übersehen haben. Aber das stellt kein wirkliches Problem dar, wie Sie schnell ausrechnen. Die Stückkosten liegen mit den 3 weiteren Mitarbeitern damit bei 95 Cent – das ist immer noch günstiger als bisher.
Flugs werden 3 zusätzliche Mitarbeiter eingestellt. Sicherheitshalber beschließt die Firmenleitung, die alte Maschine aber mitlaufen zu lassen, um keine Ausfälle zu riskieren. Gewiss, das treibt die Produktionskosten weiter in die Höhe, da die 10 plus 3 Mitarbeiter nun Überstunden schieben müssen, um beide Maschinen zu bedienen. Zaghaft schlagen Sie deshalb vor, man könne ja – vorübergehend – 5 weitere Mitarbeiter einstellen, wovon dann 2 zusätzlich zum Bedienen der Maschinen und 3 zum Koordinieren des Arbeitseinsatzes der an den Maschinen beschäftigten Arbeitnehmer eingesetzt werden könnten.
Da Ihr Chef mit Blick auf die Quartalszahlen langsam eine gewisse Panik nicht mehr verbergen kann, stimmt er zu und bittet inständig darum, dass nun aber wirklich alles ins Laufen kommt. Und eigentlich sollte jetzt ja auch alles in Butter sein (auch wenn die Stückkosten mittlerweile 1,05 Euro betragen), wenn nicht plötzlich das Qualitätsmanagement Alarm schlagen würde.
„Die Produkte der neuen Maschine sind teilweise nicht für den Volleinsatz zu verwenden und können bestenfalls für 1 Euro auf den Markt gebracht werden.“
Die Panik steht Ihrem Chef nun sichtbar ins Gesicht geschrieben. Doch Sie beruhigen. „Wir machen jetzt auf der neuen Maschine einfach eine Gruppe 1-Euro-Produkte, das heißt, wir bringen die auf der neuen Maschine produzierten Stücke als besonders preisgünstige Angebote in den Markt. Und die Produkte der alten Maschine werden wie bisher vertrieben. Allerdings, Chef, sollten wir dann einen eigenen Vertrieb für die 1-Euro-Produkte aufbauen. Und natürlich brauchen wir eine Koordinationsstelle, die sicherstellt, dass die 1-Euro-Produkte nicht dort vertrieben werden, wo die Produkte der alten Maschine in den Markt gebracht werden. Deshalb müssen wir auch in die Vermarktung der Normalprodukte investieren. Und natürlich brauchen wir noch eine Stelle, die sich mit den gänzlich nicht zu vermarktenden Produkten beschäftigt. Nur so können wir gewährleisten, dass auch hier eine bedarfsgerechte Produktbetreuung entsteht.“
Überschlägig berechnen Sie Personalbedarf, die Kosten für zusätzliche Büros und Lagerung und verkünden Ihrem Chef: „Alles gar nicht so schlimm: Die Produktionskosten liegen – über alles – bei etwa 2,10 Euro pro Stück. Da haben wir doch wirklich Glück gehabt. Bei einem Verkaufspreis von 1 Euro für die schwer vermittelbaren Stücke und von 1,60 Euro für alle übrigen halten sich die Verluste doch nun wirklich in Grenzen. Und denken Sie doch nur, Chef: Wir haben jetzt zwei Maschinen im Einsatz. Da ist es doch völlig normal, dass die Produktionskosten gegenüber früher etwas höher sind. Das weiß doch jeder. Übrigens Chef, in der Bedienungsanleitung der neuen Maschine habe ich einen versteckten Hinweis gefunden, dass sie im Dauerbetrieb ihren Stromverbrauch gegenüber den Werksangaben vervierfachen wird. Aber das bekommen wir schon in den Griff:
Ich habe schon verfügt, dass die Mitarbeiter deshalb nur noch im Halbdunkeln arbeiten und mit dem Rücken zur Wand. Das spart Heizkosten. So bekommen wir glatt 5 % der vervierfachten Energiekosten für die neue Maschine und die zusätzlichen Energiekosten für den Parallelbetrieb der alten Maschine wieder in den Griff. Und noch was Gutes:
Die alte Maschine braucht ja sowieso nur noch zwei Drittel der bisherigen Energiekosten, weil sie ja auch nur noch zu zwei Dritteln läuft. Allerdings haben wir die Anzahl der Arbeitsplätze an der alten Maschine nach der Aufstockung belassen müssen, um Reserven freizuhalten für den Fall, dass die neue Maschine dann doch nicht so arbeitet, wie wir uns das erhofft haben. Aber mit kalkulierten Produktionskosten von 2,50 Euro pro Stück dürfte dann wirklich keine Überraschung mehr passieren. Da sind wir dann ganz ganz wirklich auf der sicheren Seite.“
Während Ihr Chef mit kreidebleichem Gesicht und nur noch unverständliche Geräusche von sich gebend vom Notarzt fortgetragen wird, machen Sie sich auf den Weg zur obersten Geschäftsleitung. Da Sie mittlerweile so viel Erfahrung mit dem Schalten von Stellenanzeigen haben, werden Sie gebeten, aussagekräftige Annoncen zu schalten: Die Unternehmensleitung fordert, das Controlling zu verstärken. „Irgendwo im Unternehmen entstehen seit kurzem horrende Verluste – und wir wissen einfach nicht wo.“

Tja, und nun wissen Sie auch, wie die Hartz-IV-Gesetze entstanden sind.

G.Stein, 29.Oktober 2010

Deutsche Bahn

Ein gutes Vierteljahr erst ist es her, da kannte alle Welt hier nur ein Thema, einen Feind: die Kälte und der Winter, diesen Hundsfott, der ums Verrecken nicht mehr gehen wollte. Er ist verflogen eines Tags wie Fliederduft im späten Frühjahr. Nun kennen alle nur ein Thema, einen Feind: die Hitze und den Sommer, der die ganze Lebenskraft aus Knochen, Muskeln, Hirnen saugt. Der kurze Ärmel hat Saison, und trotzdem perlt der Schweiß. Sowie ein kleiner Luftzug spürbar ist, spreizen manche die Arme vom Körper ab und verharren so nach Art der Kormorane, die ihre nassen Flügel nach dem Tauchgang trocknen. Ein jeder hilft sich, wie er kann, besonders nachts. Wer immer nackt zu schlaffen pflegt, ist jetzt ein armes Schwein. Er hat nun nichts mehr auszuziehen; es bleibt ihm nur noch, aus der Haut zu fahren. Ein Stöhnen geht durchs Land, ein Lechzen nach dem nächsten Tief, so verzehrend wie Dalidas Stimme, als sie damals sang: „Am Tag, als der Regen kam, heißersähnt, langerfläht.“

Fast alle leiden, nur eine abgebrühte Gemeinschaft nicht, die mag es heiß. Es ist der harte Kern der Saunagänger, der, wie die Agentur ddp herausgefunden hat, auch im Sommer seine heißen Zonen aufsucht. Sie müssen trinken, unablässig trinken, da der Schweiß schon vor der Holzkabine fließt und nach dem Sprung ins kalte Becken hinterher erst recht. Die eingefleischten Saunargänger brauchen das. Sie schwitzen nicht nur gern, sie schätzen auch die heimelige Atmosphäre, den Dampf der Häute und der Kräuter, den Anblick der begnadeten Körper und nicht zuletzt die Anerkennung für den kühnen Schritt, den Aufstieg in den höchsten Luftraum.

Saunaliebhaber fahren gerne mit der Eisenbahn in diesen Tagen, auch wenn die Züge längst noch nicht perfekt sind. Da bleibt noch viel zu tun im Rahmen der Kunden- und Qualitätsoffensive, die Rüdiger Grube, der Chef der Deutschen Bahn, ausgerufen hat. Das Raucherabteil hat ausgedient, es lebe der Saunawagon, die rollende Wellness-Oase. Die entsprechenden Klimaanlagen sind schon vorhanden, das Mobiliar mit Finnendekor ist schnell eingebaut, und natürlich erschließen sich nun Einnahmequellen aller Art für ein Unternehmen, das viel Geld braucht, weil es halb Stuttgart unterkellern will und einen guten Teil der Schwäbischen Alb dazu. Aufguss gefällig? „Sehr gerne“, sagt der nette Zugbegleiter mit dem Handtuch um die Hüften, „macht sechseurozehn zusammen mit dem Grüntee Morgentau“. Schon riecht der ganze Saunawagen nach Mango- und Zitrusfrüchten. Zu jedem Chili con Carne, das in den Schwitzkasten geliefert wird, gibt es gratis einen Bund Birkenreiser. Wer so gut bedient ist von der Bahn, steigt am Zielort aus ist und stellt fest, dass es draußen bitterkalt ist. Und das mitten im Hochsommer.

aus Süddeutsche Zeitung von16.Juli 2010