Alkohol, Alkohol,
du bist mein Feind,
das weiß ich wohl.
Doch schon in der Bibel steht geschrieben,
du sollst deine Feinde lieben.
Dieser Spruch surrt seit heute Morgen ununterbrochen in meinem Kopf herum. Ich habe mich gestern auf dem Oktoberfest mit allen meinen Feinden ausgesöhnt, glaube ich. Schuld ist diese verbrecherische Kellnerin, die offensichtlich eine Standleitung vom Fass in mein Glas gelegt hat.
Schwere Schuld an meinen nicht ganz ordnungsgemäßen Zustand heute trägt auch meine Holde. Sowieso. Sie hätte ja schließlich auf mich aufpassen müssen. Hat sie aber nicht. Sie hat die ganze Zeit getratscht. Geredet. Und mich hat sie einfach meinem Schicksal überlassen. Unverantwortlich!
Meine Gäste sind natürlich auch Schuld. Warum müssen die dauernd Prost zu mir sagen? Das ist doch ein untragbares Verhalten gegenüber dem Gastgeber. Sollten sie mich nicht eigentlich auf den Händen tragen, anstatt mich unter den Tisch zu trinken? Ich werde keinen von denen mehr einladen. Das war ein gezielter Mordanschlag.
Vielleicht ist aber auch der Festzeltwirt vom Schützenfestzelt schuld. Vermutlich hat er die Kellnerin aufgehetzt. „Wenn der Stein kommt, mach ihn fertig.“
Meine Holde sieht das übrigens grundsätzlich anders.
„Jeder ist seines Glückes Schmied“, sagt sie. Und: „Es gibt kein größeres Leid, als man sich selbst antut.“ Sicher. Sie ist eine kluge Frau. Aber welcher Mann mag sich frühmorgens solche Sprüche anhören?
Frauen der Welt. Hier ist die Antwort: KEIN Mann der Welt will sich morgens solche Sprüche anhören. Schon gar nicht, wenn ihm der Kopf brummt und den ganzen Raum ausfüllt. Was ein Mann in dieser Situation braucht, ist Zuspruch, Pflege und mindestens zwei Aspirin.
Womit ich schon bei der Frage bin, die mir ebenfalls seit heute Morgen durch den Kopf schwirrt. Wer hat eigentlich das Aspirin erfunden? Und wurde es möglicherweise nach einem Besuch des Oktoberfests erfunden?
Letzteres wohl eher nicht, wie ein Blick in das Geschichtsbuch zeigt. Denn am 6. März 1899 tauchte Aspirin zum 1. Mal in der Geschichte auf – in der Warenzeichenrolle des Kaiserlichen Patentamts in Berlin.
Bei der Entwicklung von Aspirin stand die Natur Pate. Schon 400 Jahre v. Chr. kannte der griechische „Urvater der Ärzte“, Hippokrates, die schmerzstillende und fiebersenkende Wirkung eines Saftes aus der Weidenrinde. Und das obwohl es damals noch gar kein Oktoberfest gab.
Auch bei den Römern, in China und bei vielen Naturvölkern wurden Extrakte aus der Weide gegen Fieber und Schmerzen eingesetzt. Ob fleißige Biertrinker den Verbrauch nach oben trieben, ist allerdings nicht überliefert.
Heute weiß man, dass diese Essenzen den natürlichen Wirkstoff Salicin enthielten, dessen Name von dem lateinischen Wort „Salix“ für Weide abgeleitet ist.
Ab dem 19. Jahrhundert, also so in etwa mit der Einführung des Oktoberfests, versuchten europäische Forscher, den Stoff für Medikamente nutzbar zu machen. Das Ergebnis waren scheußlich schmeckende, schlecht haltbare Substanzen, die außerdem schlimme Nebenwirkungen aufwiesen, z. B. Verätzungen der Magenschleimhaut. Was nach einem Besuch des Oktoberfests NICHT vorteilhaft ist. Ich weiß, wovon ich spreche.
1897 gelang dem Chemiker Felix Hoffmann beim Leverkusener Chemiebetrieb Bayer der entscheidende Durchbruch:
Er stellte den 1. chemisch völlig reinen und haltbaren „Weidensaft“ her, der für den therapeutischen Einsatz bestens geeignet war und vor allem nach übermäßigem Genuss von völlig reinem und nur kurzzeitig haltbarem Oktoberfestbier seitdem unverzichtbar ist. Chemisch heißt der Wirkstoff seitdem Acetylsalicylsäure (ASS).
Bayer brachte den neuen Stoff unter dem Markennamen „Aspirin“ auf den Markt. Bald schon wurde das Medikament, das gegen vielerlei Arten von Schmerzen half, von der Presse und Oktoberfestbesuchern als „Wundermittel“ gepriesen.
Seitdem wird fleißig an Aspirin geforscht. Und, offensichtlich um die Forschung voranzutreiben, findet jährlich ein neues Oktoberfest statt. Auch Aspirin-Festspiele genannt.
All zu oft sollte man allerdings nicht auf die Wiesn, also das Oktoberfest, gehen. Denn Ärzte empfehlen: Länger als 3 Tage hintereinander sollten Sie Aspirin nicht ohne ärztlichen Rat einnehmen. Weshalb die Wiesn trotzdem 17 Tage dauert, ist mir ein Rätsel. Außerdem trinke ich nie, nie wieder Alkohol.
„Das hast du im letzten und vorletzten und vorvorletzten Jahr auch gesagt …“, sagt meine Holde, das unverantwortliche Wesen. Und merkwürdig. Daran kann ich mich überhaupt nicht erinnern.
G.Stein von 21.09.11
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